AllgemeinPresseartikel

Lange Leitung

lange leitung - erdkabel statt freileitung

Im Mühlviertel kämpfen Bürger gegen eine Hochspannungsleitung.

Warum will die Politik kein Erdkabel?

(Der Artikel wurde uns freundlicherweise von falter.at zur Verfügung gestellt.)

 

Das etwas abgelegene Mühlviertel zählt zu jenen langsam verschwindenden Teilen Österreichs, wo die Naturlandschaft noch intakt zu sein scheint. Bei richtigem Licht und Wetter betrachtet ist es hier idyllisch. Im Winter ziehen Langläufer ihre Runden und vor dem Kulturwirtshaus Pammer in Hirschbach im Mühlkreis ist eine Runde älterer Männer mit Eis-stockschießen beschäftigt. „Griaß di!“, wird der Fremde freundlich begrüßt.

Drinnen in der Gaststube beim Kachelofen herrscht weniger gute Stimmung. Ein Grüppchen Engagierter der IG Landschaftsschutz Mühlviertel hat sich versammelt, sie kämpft gegen die Verschandelung der Natur und die Entwertung ihrer Grundstücke. Die Runde bietet einen Querschnitt der Bevölkerung: Ein Schlossherr gehört dazu, eine rote Gemeindepolitikerin, ein Universitätsprofessor, eine Biobäuerin und ein Steuerberater. Volkstümlich ausgedrückt, fühlen sie sich alle von der Landespolitik verarscht.

Und das kam so: Laut dem Stromnetzmasterplan Oberösterreich 2026 ist eine neue 110-kV-Hochspannungsleitung durchs Obere Mühlviertel geplant. Diese soll auf einer Länge von rund 40 Kilometern in etwa von Freistadt über Bad Leonfelden bis Rohrbach verlaufen. Vorgesehen ist eine zweiteilige Trasse. Als Hauptargument dafür führen Politik und Netzbetreiber die Gewährleistung der Versorgungs-sicherheit mit Strom an.

lange freileitung im mühlviertel geplant

Nun hat in der Mühlviertler Bevölkerung niemand etwas gegen Strom per se.

Nur wollen die Anrainer keine Freileitung mit bis zu 40 Meter hohen Sendemasten, die die sanft hügelige Landschaft der Region durchschneidet. Sie wünschen sich stattdessen, dass der Strom unterirdisch durch Erdkabel transportiert wird. Das ist im dicht verbauten Stadtgebiet gang und gäbe, wird über der Grenze in Bayern aber auch schon im ländlichen Raum so praktiziert.

Der Prozess der Trassenfindung wurde erstmalig in Österreich als ein offener angekündigt. Die Menschen bekamen von der Landespolitik und den Netzbetreibern Energie AG und Linz AG vermittelt, dass sie mitreden können. „Das hat sich toll angehört“, sagt Veronika Walchshofer. Es sei jedoch nie der Wille da gewesen, die Leute tatsächlich mitgestalten zu lassen oder verschiedene Ansätze ernsthaft zu untersuchen, so die SPÖ-Fraktionsvorsitzende in der Gemeinde Hirschbach. „Mir kommt das Ganze vor wie ein Theaterstück, bei dem wir nicht einmal Statisten, sondern nur Zuschauer sind. Und im letzten Akt wird uns die Lösung präsentiert, die ohnehin von Anfang an festgestanden ist.“

Was die IG Landschaftsschutz vermisst, ist ein ernsthafter Dialog auf Augenhöhe.

Das Erdkabel sei von der Gegenseite von Anfang an nicht einmal in Erwägung gezogen worden. Mittlerweile werde es gezielt schlechtgeredet. In einem Positionspapier zum Thema „Verkabelung im 110-kV-Netz – Kabel oder Freileitung?“ wird rhetorisch geschickt für eine Freileitung argumentiert. Politik und Netzbetreiber haben eine klare Strategie, wie sie die Mühlviertler von der Freileitung überzeugen wollen.

Das Argument ist, dass diese in der Errichtung und Wartung weitaus günstiger sei. Im Positionspapier heißt es: „Die wesentlich höheren Kosten einer Kabellösung können die Netzbetreiber ohne beträchtliche Anhebung der Netztarife nicht verkraften.“ Sprich: Wenn das Erdkabel kommt, wird für euch der Strom viel teurer. „Spin-Doctoring vom Feinsten“, nennt das Markus Haslinger. „Diese drei Seiten müssen 100.000 Euro gekostet haben.“

Haslinger ist von der geplanten Hochspannungsleitung nicht direkt betroffen, sein Haus in der Gemeinde Ahorn ein paar hundert Meter davon entfernt. Aber er ist „über den Stil und das Wegwischen von Argumenten innerlich betroffen“, sagt der Jurist, der am Forschungsbereich Rechtswissenschaften der TU Wien arbeitet und vor vier Jahren ins Mühlviertel gezogen ist. „Was hier betrieben wird, ist unselige Altpolitik. Die Landespolitik agiert nach dem Motto: Da fahren wir drüber, die paar Stimmen der Menschen oben im Mühlviertel sind uns egal.“

freileitung verschandelt das landschaftsbild

Zahlreiche Abende und Wochenenden haben er und seine Leidensgenossen in den letzten Monaten mit Recherchen zum Thema Strom und Leitungen verbracht. Inzwischen sind sie, was die technische wie auch die wirtschaftliche Seite betrifft, fast schon Experten. Die Menschen in der betroffenen Region sind in dieser Zeit deutlich näher zusammengerückt, zahlreiche Freundschaften entstanden. Es gab Telefonate zu den absurdesten Tag- und Nachtzeiten, wenn wieder einmal jemand ein Dokument ausgegraben hat, von dem man gar nicht wusste, dass es überhaupt existiert.

Inzwischen, so Markus Haslinger, habe das Geschehen „etwas von einem Politkrimi“. Längst haben die Landschaftsschützer mit Heinrich Brakelmann, einem emeritierten deutschen Professor für Energietransport und -speicherung, einen eigenen Experten zu Rate gezogen und ein Gutachten erstellen lassen. Dieser hält eine Erdkabellösung im Mühlviertel sehr wohl für möglich und sinnvoll. Die Kosten dafür sollen auch nur um ein Drittel teurer sein als die einer Freileitung, mit kluger Trassenwahl und Einsatz moderner Technologie sogar annähernd gleich. Es steht Aussage gegen Aussage. Die Mühlviertler haben auch prominente Unterstützer an Bord, darunter Ex-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner, den Großgrundbesitzer Georg Starhemberg und Ex-OMV-Chef Gerhard Roiss.

Auch Dominik Revertera gehört dazu. Er ist der Besitzer von Schloss Helfenberg und Burg Piberstein, er stammt aus einem ehemaligen Adelsgeschlecht. Von Beruf ist er Forstwirt mit beträchtlichem Waldbesitz, die geplante Trasse würde ihn direkt treffen. Sie führt über zwei Kilometer in der Hauptwindrichtung durch ein Waldgebiet und würde eine Schneise bilden. „Die Mühlviertler Wälder sind durch Sturmschäden und den Borkenkäfer ohnehin schon aufgerissen“, erklärt Revertera. „Wenn jetzt noch eine Schneise durchgeht, sehe ich für den Wald schwarz.“ Als Obmann des Wald- und Grundbesitzerverbandes Oberösterreich und Kammerrat in der Vollversammlung der Landwirtschaftskammer hat er eine nicht ganz unwesentliche Stimme. Doch in dieser Angelegenheit kommt auch er sich machtlos vor.

Das Mühlviertel ist nicht die einzige Region in Oberösterreich, in der zuletzt 110-kV-Freileitungen errichtet werden sollten.

Etwas früher gab es schon entsprechende Vorhaben im Almtal und im Innviertel. Beide verliefen im Sand, es gibt dort bis heute keine Leitungen. Das will den Mühlviertlern nicht einleuchten: Zwei ähnliche Projekte wurden gegen die Wand gefahren, warum hat die Politik eine derart lange Leitung und will noch einmal den gleichen Fehler begehen? Es gibt Vermutungen, dass hinter der Sache mehr steckt. Da die Grenzen zu Bayern und Tschechien nicht weit entfernt sind, könnten die Leitungen, wenn sie einmal da sind, entsprechend erweitert und auf 220 kV hochgerüstet werden. Dann würden sie nicht mehr nur Strom für die Region liefern. Es ließe sich dann auch Windstrom aus Deutschland und Atomstrom aus Tschechien durchleiten. Mit Netzdurchleitungsgebühren verdienen Energiebetreiber gutes Geld. Folgt man dieser Interpretation, dann geht es bei der Leitung gar nicht so sehr ums Mühlviertel.

Genau das kritisiert die Bürgerinitiative, die demnächst in einen Verein umgewandelt werden soll. Die Politik überlasse das Mühlviertel wieder einmal sich selbst. Die Region ist von einer lieblichen Landschaft geprägt, es gibt sanften Tourismus und einen hohen Anteil an Biobauern, viele davon Überzeugte der ersten Stunde. Über vielem, was hier in langer Arbeit an Strukturen aufgebaut wurde, hängt die geplante Freileitung wie ein Damoklesschwert.

Sabine Maier aus der Gemeinde Waldburg ist eine betroffene Grundbesitzerin. Sie hat einen kleinen Biobetrieb mit Direktvermarktung. Die Trasse führt durch das einzige große Feld ihres Betriebs. Sie stört aber auch, dass der volkswirtschaftliche Schaden durch die Freileitung zu gering angesetzt werde. Lediglich mit ihrem Grundstück direkt Betroffene kommen in den Genuss einer Entschädigung. Der Wertverlust von ganzen Siedlungen mit Einfamilienhäusern, die in Zukunft freien Blick auf Masten haben sollen, ist dagegen nicht eingerechnet.

Einer, dem diese Aussicht ebenfalls blüht, ist Bernhard Neulinger aus Bad Leonfelden. Der Steuerberater hat vor sechs Jahren in einem geschlossenen Wohngebiet sein Haus gebaut. In seiner Gemeinde soll sich das Nadelöhr der Trasse befinden, im schlimmsten Fall wird sie die Siedlung auf drei Seiten umspannen, im günstigeren von zwei. Als Neulinger gebaut hat, waren die Planungen schon im Laufen. Gesagt hat ihm das niemand. „Der Bereich hätte eigentlich für die Bebauung gesperrt werden sollen“, sagt er. „Aber es gibt kein Konzept in raumordnungstechnischer Hinsicht.“

Neulinger ist geborener Mühlviertler und wieder in seine Heimat zurückgezogen. Viele sind in den letzten Jahren aus Linz und anderen Gegenden in den Norden übersiedelt, sicher auch wegen der niedrigeren Grundstückspreise, aber genauso wegen der Natur und dem gemächlicheren Tempo. Das Mühlviertel hat sich verändert, die Leute sind heute besser ausgebildet und informierter als vor 20, 30 Jahren und lassen sich nicht mehr alles erzählen.

Wie das Match Freileitung gegen Erdkabel ausgeht, ist noch offen.

Die IG Landschaftsschutz betont, dass sie eine gemeinsame Lösung will. Es könnte sogar ein Innovationsprojekt in Sachen nachhaltiger Energieproduktion daraus werden. So ließe sich das Erdkabel mit Breitband koppeln. Weitere Experten wie der bekannte Umweltökonom Stefan Schleicher sollen dafür noch an Bord geholt werden. „Die Gruppe verbindet eine konkrete Vorstellung von Nachhaltigkeit“, sagt Markus Haslinger. „Wir wollen die Nachhaltigkeit in unserer Region mitgestalten, dieses Recht nehmen wir uns heraus.“

Im schlimmsten Fall will man die Freileitung mit rechtlichen Mitteln bekämpfen. Und rechnet sich gute Chancen aus, einen etwaigen Prozess zu gewinnen. Wenn die Politik nur nicht unterschätzt, dass sie schon auch stur sind, die Mühlviertler.

 

Presse

Falter

 

 

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