Aus einem Gespräch eines bekannten und gewichtigen Mitgliedes im Aufsichtsrat der Energie AG haben wir eine dokumentierte Aussage: Die 110 kV Mühlviertelleitung sei neben der Energie-Ableitung des Windparks „auch notwendig, damit Temelin-Strom an den Mann gebracht werden kann.“
Das ist eine ehrliche und offene Aussage, für die wir dankbar sind. Geahnt haben wir das ja schon immer, nur von offizieller Stelle wurde das bis jetzt immer verneint.
Damit stellt sich aber auch die Frage nach der tatsächlichen energiepolitischen Zielsetzung des Projektes 110 kV Leitung im Mühlviertel.
Seit 2018 ist uns dieses Leitungsbau-Projekt bekannt. Zum damaligen Zeitpunkt waren die jetzt geplanten Windparks noch in weiter Ferne, das AKW Temelin uns aber immer schon „nahe“ (Luftlinie Temelin – Bad Leonfelden: 75 KM).
Bisherige Stellung des Landes OÖ zu Temelin
Gerade in Oberösterreich ist Temelín seit Jahrzehnten höchst umstritten. Zwischen 1999 und 2002 – rund um die Inbetriebnahme der ersten Blöcke – kam es zu massiven Protesten und wiederholten Grenzblockaden im Mühlviertel, unter anderem an den Übergängen Wullowitz und Weigetschlag. Zahlreiche Bäuerinnen und Bauern rückten sogar mit Traktoren zu den Blockaden aus, um ihren Widerstand sichtbar zu machen. Tausende Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich an Demonstrationen entlang der oberösterreichisch-tschechischen Grenze. Die Proteste wurden getragen von regionalen Bürgerinitiativen, der Plattform Gegen Atomgefahr, sowie von politischen Parteien.
Das Land Oberösterreich richtete im Jahr 2000 sogar einen eigenen Anti-Atom- bzw. Temelín-Beauftragten ein: Radko Pavlovec. Die klare Anti-Atom-Haltung war über Jahre hinweg politischer Konsens in Oberösterreich.
Aktuelle Situation in Temelin
Aktuell treiben die Tschechische Energiegesellschaft ČEZ und der britische Reaktorentwickler Rolls-Royce SMR die Vorbereitung eines Small Modular Reactors (SMR) am Temelín-Standort. Ziel ist, das erste SMR-Projekt in der Mitte der 2030er Jahre zu realisieren. Dieses neue kleine Reaktorkonzept soll direkt neben dem bestehenden Kraftwerk entstehen und eine zusätzliche nukleare Kapazität liefern – in einem Zeitraum, der in direktem Zusammenhang mit den aktuellen Infrastrukturplanungen im Mühlviertel steht. Weitere kleine SMR Reaktoren sind angedacht.
Noch ist kein Serienbetrieb weltweit für genau diesen Typ bekannt!
Export-Leitung nach Oberösterreich
Auf tschechischer Seite gibt es bereits eine 110 kV Hochspannungsleitung nach Kaplice. Eine rund 20 km lange Verbindung nach Rainbach würde den Stromimport aus Temelin ermöglichen. Auf österreichischer Seite bestehen 110 kV Hochspannungsleitungen von Rainbach über Friensdorf und von Rohrbach über Ranna nach Linz. Die neue 110 kV Mühlviertelleitung von Rainbach nach Rohrbach soll der Lückenschluss im Mühlviertel werden.
Wenn der neue Temelin-Reaktor in Mitte der 2030er Jahre seinen Betrieb aufnimmt, wäre ein Upgrade von 110 kV auf 220 kV für den Import anzunehmenderweise technisch ohne grundlegende Hürden möglich.
Eine Temelin-Exportleitung nach Oberösterreich würde natürlich auch den Ausbau von weiteren kleinen Reaktorblöcken befeuern.
Mögliche Gefahren für das Mühlviertel
Jeder weitere Block ist eine zusätzliche Gefahrenquelle, die auch große Auswirkungen auf unsere Region hat. Sogar eine geringe Strahlenwolke würde unsere Region maßgeblich schädigen.
Aus einer Studie des Instituts für Meteorologie und Physik an der Universität für Bodenkultur Wien:
„Aufgrund seiner Lage nordwestlich von Ostösterreich und den häufigen Nordwestwinden gibt es viele Tage, an denen ein Unfall in Temelin zu erheblichen Konsequenzen in Österreich führen könnte. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass solche Nordwestlagen auch häufig mit Niederschlag verbunden sind. Treibt eine radioaktive Wolke zunächst bei trockenem Wetter nach Österreich und gerät sie dann in starke Niederschläge, ist der ”worst case“ – jedenfalls für die Bodenkontamination und damit die langfristigen Folgen – erreicht. Ein derartiger Fall wird hier gezeigt. Die Belastungen in Österreich sind um vieles höher als in Tschechien (außer in der unmittelbaren Nähe des AKW).“
https://imp.boku.ac.at/envmet/reaktorunf-bericht.pdf
Wir wollen nicht gleich einen derart großen Störfall annehmen. Schon geringer radioaktiver Niederschlag wäre eine Katastrophe. Wer soll dann noch Lebensmittel aus dem Mühlviertel kaufen? Konsumenten würden diese wahrscheinlich auf Jahre hinaus meiden.
Unsere klassischen „Haus- und Gemüsegärten“ wären dann vermutlich auch nur mehr für Blumen udgl. geeignet. Wobei Honig aus diesen Blüten wohl auch unverkäuflich wäre.
Auch Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 meiden Pilzsammler heute noch Maronenröhrlinge. Zählen diese doch zu den Pilzarten, die am stärksten mit dem radioaktiven Cäsium-137 belastet sein können.
Vor diesem Hintergrund wirft die Aussage des Mitgliedes im Aufsichtsrat der Energie AG ein neues Licht auf die Debatte rund um die geplante 110 kV Mühlviertelleitung. Wenn selbst ein Aufsichtsrat offen einräumt, dass diese Leitung notwendig sei, um Atomstrom „an den Mann zu bringen“, dann stellt sich die Frage nach der tatsächlichen energiepolitischen Zielsetzung dieses Leitungsprojektes.
Die Bevölkerung als Souverän hat ein Recht auf Transparenz.
Eine ehrliche und offene Debatte mit der Landespolitik ist längst überfällig.
Ein 110 kV Erdkabel erschwert das UPGRADE auf eine 220 kV Temelin-Leitung.
Können wir damit den Ausbau von weiteren Atomreaktoren verhindern?
Schreib uns deine Meinung dazu an office@iglm.at.
IG Landschaftsschutz Mühlviertel – Rudolf Niederwimmer