Allgemein

Kostenvergleich Erdkabel versus Freileitung

Die Netzbetreiber und in ihrem „Schlepptau“ deren „Vorgesetzte Politiker“ verwenden immer ein Argument, warum Erdkabel nicht möglich ist – „viel zu teuer“. Dem wollen wir hier nachgehen, vor allem auch im Hinblick darauf, dass die E-Control entscheiden wird, ob im Mühlviertel ein Erdkabel realisiert wird.

Das neue ElWG, sinnbefreit jetzt „Billigstrom-Gesetz“ genannt, sieht vor, dass bis zu einem Mehrkostenfaktor von 1,8 eine 110 kV Leitung verpflichtend als Erdkabel ausgeführt werden muss.

Fast alle Zahlen in den nachfolgend angeführten Punkten basieren auf den von den Netzbetreibern zur Verfügung gestellten Angaben. Sogar bei den Grundablösen haben wir nur deren ungefähre Angebotspreise zum Ansatz gebracht, wohlwissend, dass diese nicht haltbar sein werden. Jene Punkte, die bei den Netzbetreibern nicht eruierbar waren, haben wir nach bestem Wissen durch Gespräche mit einem Fachmann und durch Internet-Recherche ermittelt und mit Quellenangabe versehen.

In diesem Zahlenwerk nicht berücksichtigt wurden Umweltschäden, Klimaschäden sowie gesundheitliche Auswirkungen.

Zusammenfassung:

  • Der Mehrkostenfaktor Erdkabel zu Freileitung ergibt
    • für die reinen Errichtungskosten: 1,63
    • unter Hinzurechnung von Instandhaltung für 80 Jahre: 1,14
    • unter Berücksichtigung von Netzverlusten für 80 Jahre: 0,87
  • Mehrkosten Erdkabel für einen durchschnittlichen Haushalt in OÖ – 6 Cent/Jahr
  • Enorme Netzverlustersparnis bei Erdkabel – damit könnte man z.B. alle 1850 Haushalte in Bad Leonfelden versorgen

Volkswirtschaftlich gesehen ist eine Freileitung eigentlich nicht zu verantworten. Wenn man nicht nur kurzsichtig die Errichtungskosten, sondern den gesamten Lebenszyklus berücksichtigt, ist eine Freileitung einfach zu teuer.

Alleine der höhere Netzverlust bei der Freileitung gegenüber dem Erdkabel beträgt rund 414.000 Euro im Jahr. Der Verlust auf die Lebensdauer der Leitung von 80 Jahren beträgt 33 Millionen Euro! Diesen Betrag müssen wir Netzkunden bezahlen.

Zugehörige Punkte:

  • Alles beginnt mit einer falschen Zahl
  • Das Märchen vom hohen Mehrkostenfaktor für Erdkabel
  • Mehrkosten für einen durchschnittlichen Haushalt
  • Jährlicher Netzverlust der Mühlviertel-Leitung

 

Alles beginnt mit einer falschen Zahl

Zu 1: Generalsanierung der Leitung Partenstein-Ranna als Vergleich herangezogen, obwohl Neubauprojekte wie Freistadt-Rainbach oder Planung Ried-Raab bereits bekannt

Zu 2: Berechnet mit Preisindex für Ausrüstungsinvestitionen – Elektrische Ausrüstungen (Statistik Austria)

Alles beginnt mit einer falschen Zahl im Jahr 2018. Der damalige LR Dr. Strugl gab im Auftrag des Landes OÖ bei Ernst&Young (E&Y) ein Gutachten zum Investitions- und Kostenvergleich 110kV Erdkabel und 110kV Freileitung im ländlichen Raum in Auftrag.
https://www.land-oberoesterreich.gv.at/Mediendateien/Formulare/Dokumente%20UWD%20Abt_US/4_RK_18_Gutachten_OoeLaHol_FINAL_20181221.pdf

Wer diese „falsche Zahl“ in das Gutachten eingebracht hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Es ist auch nicht bekannt, ob diese „falsche Zahl“ bewusst oder unbewusst als Basis für den Kostenvergleich herangezogen wurde. Aber wäre ich Schwabe, würde ich sagen: „Das hat ein Geschmäckle“.

Als Freileitungs-Vergleichsprojekt zum durchgeführten Erdkabel-Projekt der Energie AG von Jochenstein nach Ranna, also im vielbeschworenen „Granitblock“ Mühlviertel, wurde nämlich eine sogenannte Generalsanierung herangezogen.

Auf dem Hochspannungsblog der Netz OÖ wurde unter der Überschrift „Großes Service für Freileitung nach 80 Jahren“ dazu folgendes angeführt:
„Mit der Generalsanierung der 19,7 Kilometer langen Hochspannungs-Freileitung von Partenstein nach Ranna wurde im März 2018 begonnen. Mit allen 111 Grundeigentümern in insgesamt acht Gemeinden konnte das Einvernehmen hergestellt werden. Ein Großteil von ihnen hat das Angebot angenommen, die bestehenden Vereinbarungen an den aktuellen Rechtsstand anzupassen. Insgesamt hat die Netz Oberösterreich GmbH in Sanierung und Erneuerung 13,9 Millionen Euro investiert.
Im Zuge der Sanierung wurden auf der Leitung 132 Kilometer Leiterseile verbaut. Die bereits mehr als 20 Jahren auf der Freileitung mitgeführten Glasfaserleitungen wurden ebenfalls erneuert, ihre Kapazität dabei um den Faktor 8 erhöht. Weiters wurden besonders exponierte Maststandorte angepasst und deren Situierung optimiert.

https://news.netzooe.at/news-generalsanierung-der-110-kv-freileitung-von-partenstein-nach-ranna-abgeschlossen?id=83362&menueid=18478&l=deutsch

Ungefähr im gleichen Zeitraum wurde der Neubau der Freileitung Ried-Raab in Angriff genommen. Obwohl diese Planungskosten sicherlich zum Zeitpunkt des E&Y Gutachtens (November 2018) bereits bekannt waren, wurden diese Kosten nicht in den Vergleich aufgenommen (dortige Leitungsbaukosten 2020: 1.162.000 €/Km, ebenfalls inkl. einem Umspannwerk).

Das Märchen vom hohen Mehrkostenfaktor für Erdkabel

Zu 1: Trenntrafo-Kosten 1:1 übernommen aus der Stellungnahme der LINZ NETZ und NETZ OÖ vom Juli 2020 Seite 52 (16,7 Mio. €, ergibt indexiert 19,9 Mio. €).

Zu 2: Servitutsentschädigungsangebot der Netzbetreiber rund 40.000 €/Mast. Nicht berücksichtigt OGH-Urteil (ca. 100% Aufschlag, teilweise bis 3fach). Zusätzlich sind Baustraßen abzulösen. Ist-Kosten werden daher wesentlich höher ausfallen.

Zu 3: Servitutsstreifen von 7,5 m neben der Gasleitung. Gas Connect zahlt 11,35 €/m2. Nicht berücksichtigt OGH-Urteil (ca. 100% Aufschlag, teilweise bis 3fach). Zusätzlich sind Baustraßen abzulösen. Ist-Kosten werden daher wesentlich höher ausfallen.

Zu 4: Für 110-kV-Freileitungen werden die laufenden Kosten für Instandhaltung und Wartung in der Praxis mit etwa 0,8 bis 1,2 % der Investitionskosten pro Jahr angesetzt. Über eine technische Nutzungsdauer von 70 bis 80 Jahren ergeben sich damit kumulierte Instandhaltungs- und Wartungskosten von rund 70–90 % der ursprünglichen Investitionskosten, wobei größere Erneuerungsmaßnahmen (z. B. Leiterseiltausch) gesondert zu berücksichtigen sind.
Quelle: Vgl. CIGRÉ, Technical Brochure 725 – Life Cycle Management of Overhead Lines, SC B2, 2018; CIGRÉ, Technical Brochure 299 – Asset Management Plans for Transmission Systems, 2006; IEC 60300-3-3.

Zu 5: Für 110-kV-Erdkabelsysteme werden die laufenden Kosten für Instandhaltung und Wartung aufgrund des geringen Inspektions- und Pflegeaufwands deutlich niedriger angesetzt als bei Freileitungen. In der Praxis werden hierfür jährliche Kosten von etwa 0,2 bis 0,5 % der Investitionskosten angesetzt. Über einen Betrachtungszeitraum von 80 Jahren ergeben sich daraus kumulierte Instandhaltungs- und Wartungskosten von rund 20–40 % der ursprünglichen Investitionskosten. Aufgrund der begrenzten technischen Lebensdauer von VPE-Erdkabeln von typischerweise 40–50 Jahren ist innerhalb dieses Zeitraums jedoch mindestens ein vollständiger Ersatz des Kabelsystems anzusetzen, der gesondert zu berücksichtigen ist.
Quelle: Vgl. CIGRÉ, Technical Brochure 640 – Life Cycle Management of HV Cable Systems, SC B1, 2015; CIGRÉ, Technical Brochure 379 – Service Experience of HV Underground Cable Systems, 2009; IEC 60840.

(E&Y führen in ihrem Gutachten für das Land OÖ einen Faktor von 0,25 gegenüber Freileitungen an.)

Zu 6: Für den Leiterseiltausch nach 60-80 Jahren bei Freileitungen bzw. der Kabeltausch bei Erdkabel nach 40-50 Jahren konnten keine validen Zahlen ermittelt werden. Aus einem Gespräch mit einem Fachmann ergeben sich daher nachfolgende Annahmen. Die Kosten setzen sich vor allem aus dem eigentlichen Kabel und der Montage, teilweise auch aus Isolatoren bzw. Muffen zusammen, wobei ein Verhältnis 1:1 (Material:Montage) angenommen wird. Durch den wesentlich höheren Querschnitt des Erdkabels sind die Materialkosten dementsprechend höher. Bei den Kosten für Erdkabel wurde auch die kürzere Lebensdauer mit dem Faktor 1,5 angesetzt.

Zu 7: Gegengerechnet wird der Recycling-Erlös des alten Kabels (absolut wiederverwendbares Alu)

Zu 8: Die Berechnung erfolgt mit der halben durchschnittlichen Leistung, konstant mit 8.760 h/Jahr. Freileitung: 600 mm² Al, Erdkabel: 1.500 mm² Al. Bewertet mit dem Beschaffungspreis Energie.

Zu 9: Mehrkostenfaktor inkl. Berücksichtigung geringerer Netzverlust bei Erdkabel.

Sowohl die geplante Freileitung der Netzbetreiber als auch die vorgeschlagene Erdkabelleitung entlang der Gastrasse weisen ungefähr die gleiche Streckenlänge von ca. 40 km auf.

Was in den von den Netzbetreibern dargestellten Zahlen einfach nur rudimentär vorkommt, sind die Instandhaltungskosten.

Was als gesichert gilt, sind die Aussagen im E&Y Gutachten:
„Aufgrund der technischen Bauart von Erdkabeln mit kunststoffisolierten Hochspannungskabeln, fallen bei Erdkabeln grundsätzlich geringere Instandhaltungskosten im Vergleich zu äquivalenten Freileitungen an. So fallen zur Überprüfung der Spannung, der Überspannungsableiter, der Kabelendverschlüsse und bei der Durchführung von Mantel- und Teilentladungsprüfungen, sowie der Kontrolle der Kabeltrasse entsprechende Instandhaltungskosten an. Im Gegensatz dazu ist für Freileitungen eine regelmäßige Inspektion des Leitungszustands und der Trassensituation notwendig, die zu dem 4-fachen an Instandhaltungskosten gegenüber Erdkabelsystemen führen.“

Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Lebensdauer von Erdkabeln. Was nicht gesagt wird ist, dass in Frankreich vergleichbare Kabelstrecken seit 80 Jahren oder länger in Betrieb sind.

Zur 80jährigen Lebensdauer von Freileitungen wird von den Netzbetreibern aber nicht ausgeführt, dass diese auch viel „Service“ benötigen.

Prof. Dr. Brakelmann führt zum Thema Lebensdauer Freileitung aus: „Wenn eine Freileitung die 80 Jahre erreicht, so sind die Seile mindestens einmal ausgetauscht worden und die Masten (mehrfach) neu gestrichen. Wenn Sie dann nach und nach auch noch die Masten und Isolatoren austauschen, kommen Sie ggfs. auch auf eine Lebensdauer von 120 Jahren.“

Dass im UVP-Verfahren im Jänner des Vorjahres hin und wieder eine „Märchenstunde“ eingeschoben wurde, ist vielen damaligen Zuhörern ja bekannt. So wurde in den UVE-Einreichunterlagen sogar ein Mehrkostenfaktor 6 angeführt, den der Amtssachverständige Scharinger versuchte zu verteidigen. Meine Annahme warum es dazu kam: E&Y hat auf Grund falscher Basiszahlen (siehe oben) einen Mehrkostenfaktor von 3,2 „ermittelt“. Dann hat man wahrscheinlich einfach gesagt, Freileitungen halten 80 Jahre, Erdkabel nur 40 Jahre und schon war ein Mehrkostenfaktor von 6 „geboren“! Es gibt halt viele „alternative“ Wahrheiten im „Land der Möglichkeiten“.

Wenn man den Lebenszyklus der Leitungsstrecke durch das Mühlviertel zur Gänze heranzieht, d.h. inkl. der enormen Netzverluste (im wörtlichen Sinn eine „Umwelt- und Klimaheizung“), dann ist ein Erdkabel einfach günstiger.

Mehrkosten für einen durchschnittlichen Haushalt

Netz OÖ hat 2025 7.447 GWh transportiert, Linz Netz 2.170 GWh. Wenn man die Lebenszyklus-Mehrkosten für Erdkabel von 80 Jahren auf ein Jahr umlegt, dann sind diese jährlichen Mehrkosten je KWh vernachlässigbar.

Für einen durchschnittlichen Dreipersonenhaushalt bedeuten diese Mehrkosten rund 6 Cent im Jahr. Für Jene, die sich das nicht leisten „wollen“, fällt das ohnehin nicht ins Gewicht, denn dafür gibt es ja den Sozialtarif laut dem neuen „Billigstrom-Gesetz“.

Jährlicher Netzverlust Mühlviertelleitung

Die Berechnung erfolgt mit der halben durchschnittlichen Leistung, konstant mit 8.760 h/Jahr. Freileitung: 600 mm² Al, Erdkabel: 1.500 mm² Al.

Bei Großverteil-Trenntransformatoren spricht man mittlerweile von Wirkungsgraden in der Größenordnung von 0,998. Das ergibt Verluste von 2 Promille. Daher sind diese zusätzlichen Netzverluste bei der Erdkabelvariante hier in der Berechnung nicht angeführt.

Beispielhaft könnte man mit diesem Mehrverlust der Freileitung die Stadtgemeinde Bad Leonfelden mit ihren 1850 Haushalten durchgängig versorgen.

Für die Netzbetreiber ist der Netzverlust wohl nur ein „notwendiges Übel“, das uns einfach auf die Stromrechnung gesetzt wird. Verlust im übertragenen Sinn ist das für jeden Kunden, nicht für die Netzbetreiber.

Volkswirtschaftlich gesehen ist eine Freileitung eigentlich nicht zu verantworten. Der höhere Netzverlust bei der Freileitung gegenüber dem Erdkabel beträgt rund 414.000 Euro im Jahr.
Der Kaufkraftverlust auf die Lebensdauer der Leitung von 80 Jahren beträgt 33 Mio. Euro! Diesen Betrag bezahlen wir Netzkunden in Form von „Netzverlustentgelt“.

IG-Landschaftsschutz Mühlviertel – Rudolf Niederwimmer

HIER KANNST DU UNTERSTÜTZEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert